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Ringvorlesung Technik- und Umweltethik

Vom Datenmythos und der Wissenschaft

Daten bestimmen unser Leben: Überall wird gesammelt, gespeichert, ausgewertet. Wissenschaftlich erhoben Daten gelten als zuverlässig, ihre Aussagen als unanfechtbar. Sybille Anderl vom Institut für Astrophysik in Grenoble enttarnt den Datenmythos: Gerade die Wissenschaft sei anfällig für Sammelwut und wer kann sie überprüfen?// Von Nicolas Kaufmann

25.04.2015 / Für Sibylle Anderl, Astrophysikerin, Wissenschaftsjournalistin und Bloggerin ist ihr Vortrag mit dem Titel "Der Datenmythos – Die Wissenschaft als Rohstoffmarkt?" eine kritische Reflexion des eigenen Tuns: Mit der Promotion begann sie, den Weltraum zu erforschen, sammelt und wertet seitdem Daten aus. Sie kennt den Wissenschaftsbetrieb und weiß, dass für die Erhebung von Daten und deren sinnvolle Auswertung viel Fachwissen erforderlich ist.

"Die Daten liegen auf der Straße"

Datensammeln ist durch die Nutzung des Internets alltäglich geworden. Fast 80 Prozent der Weltbevölkerung nutze das Internet. Dabei hinterlassen die Nutzer Datenspuren, zum Beispiel durch das Hochladen von Fotos in eine Cloud. "Wir leben in einem Informationszeitalter und sind dominiert und geprägt von Daten", beschreibt Sibylle Anderl die Situation. Daten seien mehr und mehr zu einem öffentlichen Gut geworden, auf das immer mehr Menschen von überall zugreifen könnten und das somit auch von jedermann genutzt werden könnte. "Die Daten liegen sozusagen auf der Straße", sagt Anderl.

InterviewAnderl from technikjournal.de on Vimeo.

Interview mit Dr. Sybille Anderl

Die Wissenschaft entwickelt sich weiter

Die Digitalisierung habe auch vor der Wissenschaft nicht halt gemacht. Bei der sogenannten E-Science‘, die für ‚Electronic Science‘, ‚enhanced Science‘ oder in deutsch für ‚Erweiterte Wissenschaft‘ steht, werden archivierte Daten öffentlich zugänglich gemacht. Dabei bietet die E-Science die Möglichkeit, den Forschungsprozesses nachzuverfolgen. "Daten werden weiterverwertet und mehr Details können veröffentlicht werden", sagt Anderl. Dies sei eine positive Entwicklung, weil die Wissenschaft auf immer größeren Datenmengen beruhen würde, über die es auf diese Weise einen besseren Überblick gäbe.

Befragung der Zuhörer nach Dr. Anderls Vortrag

Aylin Danaci 23.04.2015

Datenzugang ermöglicht Datenjournalismus

Öffentlich zugängliche Datenbestände haben sich zu einer wichtige Recherchequelle für Journalisten entwickelt. Möglicherweise können Journalisten auch besser über Wissenschaftsthemen schreiben, wenn sie Zugang zu Originaldaten haben. Die Vorstellung, dass frei verfügbare Daten die Wissenschaftler für die Wissenschaftsjournalisten quasi überflüssig machen würden und die Journalisten die Daten stattdessen völlig selbstständig nach Mustern und Trends untersuchen könnten, teilt Sibylle Anderl allerdings nicht: Daten könnten nur dann sinnvoll weiterverwertet und interpretiert werden, wenn deren wissenschaftlicher Entstehungskontext bekannt sei.

Fehlendes Kontextwissen führt zu Fehlinterpretationen

"Daten zu erzeugen, ist nicht besonders schwierig. Schwierig ist es, gute Daten zu erzeugen", meint Anderl. Wer Messdaten interpretiert und aus ihnen wissenschaftliche Schlüsse ableitet, muss in der Lage sein, die Qualität der Daten einschätzen zu können. Das könnten aufgrund der Komplexität der Datenerzeugung und der anschließenden Datenbearbeitung meist nur Wissenschaftler. Kritisch sollten Journalisten trotzdem sein, denn auch Wissenschaftler seien nicht unfehlbar.

Geplantes Riesenteleskop sprengt alles bisher dagewesene

Die Schwachstellen im Wissenschaftsbetrieb aufzeigen – das ist die Rolle von Sibylle Anderl als Journalistin. Die andere Seite von ihr ist die begeisterte Astrophysikerin. Mit leuchtenden Augen spricht sie von einem Großprojekt, bei dem ähnlich wie beim Teilchenbeschleuniger LHC am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf viele Nationen zusammenarbeiten. Teleskope von verschiedenen Erdteilen sollen koordiniert eingesetzt werden, so dass praktisch ein Riesenteleskop entsteht. Dem Sammeln astronomischer Daten würde dies völlig neue Möglichkeiten eröffnen: "Auf der Grundlage übergreifender Datenbanken könnten komplett neue wissenschaftliche Fragen gestellt werden", ist die Wissenschaftlerin überzeugt.

Nicolas Kaufmann // Portrait: Sarah Kahlmann // Bilder: Yannick Westerveld // Videointerview: Lea Lindenberg, Caroline Mahlow// O-Töne: Ayöom Damaco // Links: Tim Bunjes

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