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Technik braucht Orientierung

Technik braucht Orientierung

Kann die Theologie Antworten auf Fragen der Technik- und Umweltethik geben? Der Journalist und Theologe Prof. Dr. Giso Deussen teilte die theologische Sicht auf Turbotechnik und Umweltzerstörung mit den Studierenden und diskutierte über Gott und die Welt. Just an dem Tag, als die grüne Enzyklika von Papst Franziskus veröffentlicht wurde. //Von Tobias Schäfer

Mit Professor Deussen sprach zum ersten Mal ein studierter Theologe über Technik- und Umweltethik. Die klassische Auslegung der Bibel, nach der der Mensch Besitzer und Beherrscher der Natur ist und damit auch die Zerstörung gerechtfertigt ist, sei falsch. Vielmehr gebe die Bibel vor, dass der Mensch die Natur hüten und bewahren müsse. Bei der Entwicklung einer umfassenden Technikethik könne somit auch die Theologie Antworten geben. Allerdings sollten Religionen nur Orientierung geben, Verantwortung müssten die Menschen übernehmen.

Bewahren statt herrschen

Die theologische Sicht auf Technik wird, so Deussen, von zwei Bibelstellen in der Schöpfungsgeschichte gestützt. Der erste Schöpfungsbericht (Genesis 1) betont nach klassischer Auslegung den Herrschaftsanspruch des Menschen. Dies wird von der Textstelle "Seid fruchtbar, […] füllt die Erde, macht sie euch untertan und herrscht über […] alles auf Erden" abgeleitet. Im zweiten Schöpfungsbericht (Genesis 2) steht dagegen: "Gott […] setzte den [Menschen] in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte." Laut Deussen sieht die moderne Theologie hier einen Übersetzungsfehler: Das Wort "kabash" in Genesis 1 wird mit "herrschen" übersetzt, dabei sollte es eigentlich "hüten" heißen. Inhaltlich passe das auch besser zum zweiten Schöpfungsbericht, in dem Gott den Menschen zwar verpflichtet, die Erde zu bebauen, aber auch zu bewahren. "Das ist der Grundsatz der theologischen Technikethik", sagt Deussen.

Prof. Dr. Giso Deussen „Theologische Deutungen der Technik und Technikethik“ from technikjournal.de on Vimeo.

Prof. Dr. Giso Deussen „Theologische Deutungen der Technik und Technikethik“

Der technische Fortschritt erfordert eine neue Ethik

 

Vom Bewahren im Schöpfungsbericht leitete Deussen zur aktuellen Situation über. Technik stünde heute längst nicht mehr nur für Fortschritt, sondern auch für Risiken und Probleme für Mensch und Umwelt. Deussen ist überzeugt, dass die moderne Technik des 21. Jahrhunderts eine ganz neue Technikethik fordert. Er sprach Hans Jonas an, der 1979 in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" die Problemfelder der Technik formulierte, wie zum Beispiel deren Auswirkungen in der Zukunft. "Die Techniker fragen nach Orientierung, nach jemandem, der sagt, was richtig und was falsch ist", so Deussen.

Publikumsstimmen nach  dem Prof. Deussens Vortrag

Marc Hartenstein 18.06.2015

Die Zukunft muss gemeinsam gestaltet werden

Die Theologie kann bei der Orientierung in wichtigen Lebensfragen helfen, auch, wenn man nicht gläubig ist, findet Deussen. Und sie kann Anstöße geben, wie Papst Franziskus sie in seiner grünen Enzyklika mit dem Titel "Laudato si" formulierte. Allerdings könnte der Papst nicht "der Anführer" in eine bessere Zukunft sein, genauso wenig wie irgendeine andere Religion für die Veränderung der Welt zuständig sein sollte. "Schlimm ist es, wenn Regelwerke auf Gott gestützt sind, das führt zu Extremismus" mahnte Deussen. Alle sind gefragt, die Zukunft mitzugestalten, sagte er und forderte: "Die Menschheit muss ihre Art zu leben, zu produzieren und zu konsumieren ändern." Am besten gehe das durch die Entwicklung eines weltweit gemeinsamen Regelwerkes.

Tobias Schaefer // Portrait: Kilian Spelleken // Bilder: Katharina Franz und Okan Mese // O-Töne: Marc Hartenstein // Links: Franziska Sporon // Video: Ertugrul Cam und Gülay Sen

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Gründer des Technikjournalismus

Schon früh entdeckte Professor Giso Deussen seine Begeisterung für den Journalismus.
Nach seiner Promotion im Fach Theologie führte ihn die Faszination für den Hörfunk zum RIAS, dem „Rundfunk im amerikanischen Sektor" in Berlin. Als RIAS-Pressechef begleitete der gebürtige Mönchengladbacher 1989 den Mauerfall. Neun Jahre später gründete er den Studiengang Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und war dort in den Folgejahren als Dozent für Medienethik und Medienpolitik tätig. In der Ringvorlesung sprach er über die theologische Sicht auf Technikethik. Die just am selben Tag veröffentlichte grüne Enzyklika des Papstes begrüßte er: „Es wird Zeit, dass Autoritätspersonen auf die Missstände der Gesellschaft aufmerksam machen". //Von Kilian Spelleken

Zusatzinformationen

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