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Prof. Dr. Dr. Klaus Töpfer

Grußwort des Schirmherrn

Technologische Optionen bieten uns heute (scheinbar) die Möglichkeit, kurzfristige Probleme zu überwinden – aber wir legen damit oft neue Pfadabhängigkeiten an, Strukturen, aus denen auszubrechen oft unmöglich erscheint oder nur unter großen schmerzhaften Strukturwandel möglich ist. Dann heißt es schnell "There is no alternative!". Und damit sind wir immer mehr dem Diktat der Kurzfristigkeit unterworfen und berauben uns selbst jeglicher Handlungsspielräume.

Es gibt viele Beispiele, an denen man dies aufzeigen kann, aus der Vergangenheit, aber auch solche, die schon in die Zukunft weisen: wenn wir heute darüber sprechen, dass wir den Klimawandel aufhalten müssen und uns keine Zeit mehr bleibt, dann wird "Geo-Engineering" oder "Solar –Radiation-Management" durchaus von manchem schon als technologisch schnell machbare Lösung gesehen. Aber welche Konsequenzen dies mit sich bringen kann und welche Abhängigkeiten wir für die Zukunft damit schaffen, darüber wissen wir zu wenig und vor allem laufen wir Gefahr, irreversible Folgen auszulösen.

Seit einigen Jahren diskutieren wir darüber, dass der menschliche Einfluss auf die Erde, auf die natürliche Umwelt so stark geworden ist, dass man schon nicht mehr von einer "geologischen" Epoche der Erdgeschichte sprechen kann, sondern von einem Menschenzeitalter, dem "Anthropozän". Im Anthropozän machen wir uns aber nicht nur zum Herrscher über die Natur, die uns umgibt, sondern über die kleinsten Bausteine des Lebens, unserer eigenen DNA, um Bildern und Vorstellungen zu entsprechen, mit der Folge oder der Gefahr, dass wir die Vielfalt verlieren. Vielfalt jedoch bedeutet Zukunft, genetische Vielfalt ist die Grundlage dafür, dass Arten sich weiterentwickeln und anpassen können, genauso viel  Bedeutung sollten wir auch kultureller Vielfalt beimessen für die Entwicklung von Gesellschaften und für das Ausarbeiten von alternativen Pfaden nachhaltiger Entwicklung.

Gerade mit Blick auf ethische Grundsätze müssen wir uns immer wieder fragen, ob wir alles, was wir tun können, alles was technisch möglich ist, auch tun sollen. Wenn wir nicht die Konsequenzen dieser Handlungen absehen können, nicht die Tragweite der Entscheidungen für große technologische Veränderungen erfassen können, ist es umso wichtiger, dass wir uns mit den ethischen Grundlagen auseinandersetzen. Angesichts der Akzeleration der Wissensermittlung und der Fortschritte in der Entwicklung von Technologien hat bereits vor mehr als 30 Jahren der Philosoph Hans Jonas sich damit befasst, ob die tradierte Ethik noch die Grundlage für die Lebensbedingungen und das Handeln sein kann. Mit Blick auf die moderne Technik, deren Reichweite in Zeit und Raum so viel größer ist als früher, entwickelte er das Prinzip der "Fernstenliebe" und einen "ökologischen Imperativ", nachdem die Handlungen des Menschen und ihre Wirkungen "verträglich" sein müssten "mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."

Dass gerade junge Menschen, die das Morgen noch vor sich haben, die oft mit den Strukturen die sie von den Generationen ihrer Eltern und Großeltern geerbt haben leben müssen, sich intensiv damit befassen, wie die Zukunft aussehen könnte und was man schon heute tun muss, um sich nicht selbst neue Zwänge aufzuerlegen, ist mehr als nur wichtig, es ist die Grundbedingung für das Überleben, für den Erhalt des Lebens und des Lebenswerten.

Ich wünsche allen Studierenden der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, dass sie immer wieder auch Entwicklungen in Frage stellen, denn nur dadurch entwickeln wir Alternativen, dass wir nicht alles als gegeben annehmen, sondern uns fragen, ob es noch andere Lösungen gibt.

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