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Ringvorlesung Technik- und Umweltethik

Technik verändert den Zeitgeist

Technik beeinflusst alles. Prof. Dr. Uwe Wiemken fordert daher einen intensiven und fortlaufenden Diskurs darüber, welche Technologien in welcher Weise entwickelt und eingesetzt werden. In seinem Vortrag erläuterte er, wie die kulturelle Entwicklung Europas der offenen Gesellschaft und der Technisierung den Weg bereitet haben. // Von Katharina Seuser

"Immer wenn es Zeit wird zu gehen / verpass ich den Moment und bleibe stehn / das Herz sagt bleib / der Kopf schreit geh" singt Joris in "Herz über Kopf". Nach Prof. Dr. Uwe Wiemken, ehemaliger Leiter des Fraunhofer Instituts INT, greifen Popsongs oft aktuelle Konflikte auf. Im Song von Joris ginge es darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen und da "sind wir hin- und hergerissen", sagte Wiemken. Der technische Fortschritt hat laut Wiemken den Zeitgeist und Wertegemeinschaften verändert. Als Beispiel führte er das Internet an, in dem neue Wertegemeinschaften entstehen, die nicht mehr an territoriale Grenzen gebunden sind. Die große Herausforderung sei es, in einer offenen Gesellschaft damit umzugehen. Wiemken nannte es "die Entwicklung eines säkularen Ethos des friedlichen Zusammenlebens".

"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen"

Die Entstehungsgeschichte eines säkularen Ethos, wie es in offenen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt wird, beginnt mit der Aufklärung. "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", zitierte Wiemken den Philosophen Immanuel Kant. Dieses Zitat aus 1784 sei sozusagen der Wahlspruch der Aufklärung. "Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst bemühen...", führt Kant in seinem Werk aus. Wiemken ist der Überzeugung, dass diese Problematik auch heute noch aktuell ist.

Ringvorlesung Technik- und Umweltethik: „Die offene Gesellschaft und die Rolle der Technik – Anmerkungen zur Aufklärung und zur Entstehungsgeschichte eines säkularen Ethos“ Referent: Prof. Dr. Uwe Wiemken, ehemaliger Leiter des Fraunhofer-Instituts für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen INT, Euskirchen, Honorarprofessor der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Vom Absolutismus zur offenen Gesellschaft

Mit der Formulierung der Menschenrechte in der "Bills of Rights" in England und den USA und der "Déclaration des droits de l’homme et du Citoyen" in 1789 wurde ein neues säkulares Ethos geschaffen, das allen Menschen einen unverzichtbaren Anspruch auf ein Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit zusichern soll. Die Politik reagierte auf die Geschehnisse in Frankreich und auf die Erklärung der Menschenrechte mit der Entwicklung neuer Staatsmodelle. Der Absolutismus (den Kant noch vertreten hat), wandelte sich in Europa kontinuierlich zu liberaleren und offeneren Formen. "Staatsmodell" beschreibt Wiemken mit der Gesamtheit staatlicher Vertrags- und Regelwerke. Die offene Gesellschaft von heute erklärte Wiemken als Vielfalt von Wertegemeinschaften, die allesamt Einfluss nehmen. Staaten seien bis heute durch Territorialgrenzen gekennzeichnet, aber die technische Entwicklung löse diese Grenzen immer mehr auf.

Technikentwicklung erfordert Diskurs

Vor der industriellen Revolution hatte Technik laut Wiemken wenig Einfluss auf die Staatsführung. Lediglich bei der Kriegsführung war Technik schon immer ein Machtfaktor: Wer über die besseren Waffen verfügte, konnte sich durchsetzen. In den letzten 50 Jahren sei die Entwicklung jedoch so stürmisch gewesen, dass auch die Staatsmodelle davon betroffen seien. Als Beispiele für die rasante Technikentwicklung nannte Wiemken die Technische Revolution in den Lebenswissenschaften, die Technisierung des Menschen und die technische Autonomie. Kreativität und Erfindergeist seien keine Grenzen mehr gesetzt. In diesem Kontext sei es wichtig, für Werte und Demokratie friedlich zu streiten, um die Zukunft im Sinne aller Menschen zu gestalten, resümierte Wiemken.

Porträt: Jens Westermann // Video: Thomas Kindermann, Thiemo Theuer, Mortesa Yazdi // Bilder: Artem Sandler // Links: Kurdistan Nesrat Alo

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Vom Popsong zu Kant

Graues Haar, dunkler Anzug, Metallbrille mit Doppelsteg: Professor Uwe Wiemken ist im Hörsaal ganz in seinem Element. Er trägt im Sitzen vor, gestikuliert jedoch temperamentvoll. Leidenschaftlich spricht er zu den Studenten und Gästen. Sein Anliegen ist der gesellschaftliche Diskurs über die technologische Entwicklung. Dabei greift er wie kaum ein anderer auf einen Wissensschatz aus 40-jähriger Tätigkeit als Forscher, mehr als zehn Jahren Leitung des Fraunhofer Instituts INT und seine persönliche Auseinandersetzung mit Geschichte, Philosophie und dem Zeitgeist zurück. In seinem Vortrag spannte er so auch den Bogen vom Popsong bis zum Philosophen Kant. "Wir wissen dass manche Sachen falsch sind, tun sie aber trotzdem, weil wir es gewohnt sind", resümiert er. // von Jens Westermann

Weiterführende Links zur Vorlesung

Technik und Gesellschaft

Dieser Link führt zur Webseite der Universität Duisburg-Essen. In dem Artikel geht es darum, dass Probleme und das Leben der Menschen durch Technik einfacher gelöst werden können. Die Technik verändert die Gesellschaft und umgekehrt die Gesellschaft die Technik. Wichtige Universitäten werden genannt, die an dem Thema forschen.

Technik- und Humanwissenschaft

Dieser Link führt zur Webseite der Technischen Universität München, die die humanwissenschaftlichen Aspekte der Technikwissenschaften erforscht. Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen arbeiten zusammen, um technische Projekte für die Gesellschaft zu erforschen und zu entwickeln.

Technik und Mensch

Auf der Webseite von "VDI/VDE Innovation + Technik GmbH" nehmen Experten Stellung zu Themen, die uns aktuell beschäftigen. In dem Artikel „Mensch und Technik – eine komplizierte Beziehung?“ wird erklärt, dass der Mensch die Verantwortung hat, technische Systeme richtig zu bedienen.

Selbstregulierende Automaten

Dies ist ein Artikel von der Webseite der Zeitung „Die Zeit“. Der Mensch schafft sich Werkzeuge, mit denen er selbstregulierende Automaten entwickelt. Die Technik erfüllt die Bedürfnisse der Menschen nach seinen Willen. Jedoch hat der Mensch die Kontrolle über die Steuerung der jeweiligen Maschine.