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Uhr 4.0

Smarte Uhrenkonkurrenz

Seit Erscheinen der "Apple Watch" ist Apple Marktführer bei Smartwatches. Ende 2015 haben sich Smartwatches öfter verkauft als Schweizer Uhren. Die Computer-Uhren sind im Trend und die Hersteller traditioneller Armbanduhren erkennen eigene Chancen im neuen Markt. //Von Tobias Schaefer

14.07.2016//Vor einem Jahr am 24. April 2015 hat Apple mit der "Apple Watch" endgültig das Smartwatch-Zeitalter eingeläutet. Nach dem Release wurde die Firma schlagartig zum Marktführer in dem bis dahin kleinen und von Samsung dominierten Markt. Heute wird die Zeit nicht mehr nur analog und mit Zahnrädchen gemessen, sondern digital. Die klassische Armbanduhr braucht niemand mehr, um die Zeit zu wissen. An jeder zweiten Wand hängt eine Uhr und jedes Handy zeigt sie an. Was die Menschen zur Smartwatch zieht, ist nicht die darauf angezeigte Uhrzeit, stattdessen geht es eher um die zahlreichen Zusatzfunktionen und die Verbindung aller Dinge mit dem Internet. Wer mit dem Puls der Zeit geht, fühlt ihn nicht mehr selbst, sondern lässt sich seinen Herzschlag auf der Smartwatch anzeigen.

Die Apple Watch bietet viele Sonderfunktionen //Foto: Apple

Die Apple Watch bietet viele Sonderfunktionen //Foto: Pressefoto Apple

Während Samsung 2014 den noch kleinen Markt mit unter einer Million verkauften Exemplaren pro Quartal dominerte, explodierten Apples Verkaufszahlen, laut einer Pressemitteilung des Marktforschungsinstituts Strategy Analytics, im zweiten und dritten Quartal 2015 auf über vier Millionen Uhren. Für Samsung bedeutete das einen Rückgang der Verkäufe, aber der Smartwatch-Trend war ausgelöst und andere Produzenten zogen nach.

Das führte dazu, dass im vierten Quartal 2015 die Smartwatchverkäufe tatsächlich die der traditionellen Schweizer Uhren überholten. Es wurden 200.000 Smartwatches mehr, als klassische Schweizer Uhren verkauft. Im Vorjahresvergleich bedeutet das eine Steigerung der Smartwatchverkäufe um 316 Prozent und sogar einen Rückgang der Verkäufe Schweizer Uhren um rund fünf Prozent.

Neue Quarzkrise

In den 1970er Jahren stand die Schweizer Uhrenindustrie durch die Erfindung der batteriebetriebenen Quarzuhr knapp vor dem Aus. Dies wurde als Quarzkrise bezeichnet. Die bis dahin üblichen mechanischen Uhrwerke waren in ihrer Genauigkeit und Gangreserve (Laufzeit) bis zum erneuten Aufziehen schlechter, als die neuen Quarzwerke. Da die Herstellung von Quarzuhren um einiges simpler als das Zusammensetzen komplexer Mechanik-Uhrwerke war, konnten die teuren Automatikwerke nicht beim Preis konkurrieren, besonders im Vergleich mit Marken wie Casio und Seiko aus Fernost. Ab 1990 konnte sich die Schweizer Uhrenindustrie erholen und auch Automatikuhren wurden wieder beliebter. Heute könnten die Zusatzfunktionen einer Smartwatch eine erneute Bedrohung für mechanische Uhren darstellen.

Mechanische Uhr von Swatch-Tochter "Longines" //Foto: Tobias Schaefer

Mechanische Uhr von Swatch-Tochter "Longines" //Foto: Tobias Schaefer

Laut einer weiteren Pressemitteilung von Strategy Analytics sanken die Verkaufszahlen von Smartwatches im ersten Quartal 2016 zwar wieder um fast 50 Prozent, auf nur noch rund vier Millionen verkaufte Exemplare, der Markt für diese sogenannten Wearables soll laut einer Voraussage von Transparency Market Research trotzdem bis 2018 weiter steigen. Denn vor allem die Funktionen für Fitness finden Anklang. Innovation steht nicht nur gegen die Tradition, sondern ist auch sich selbst der größte Feind. Was sich schnell und oft neu erfindet "veraltet" sich sozusagen selbst.

Die Uhr mit Ablaufdatum

"Jedes Jahr ein neues Handy" – Damit wirbt die Telekom für Mobiltelefonverträge bei denen der Kunde immer das neueste Gerät bekommt. Bei der Smartwatch könnte es ähnlich sein, denn auch Apple bringt jedes Jahr ein neues iPhone heraus. Am 13. Juni beginnt in San Francisco die Worldwide Developers Conference, eine Veranstaltung von Apple bei der es um die Apple Produkte von morgen geht. Als Programmpunkt aufgeführt: Neuerungen bei "watchOS", dem Betriebssystem der Apple Watch. Ob aber im zweiten Quartal 2016 eine Apple Watch zwei erscheint, wollte Apple nicht bestätigen.

Smartwatch-Trend birgt Chancen für Uhrenhersteller

Von einer Computer-Uhren-Krise will die Uhrenfirma Swatch nichts wissen. Smartwatches seien ein anderer Markt. Die Swatch Group konzentriere sich weiterhin auf ihr Kerngeschäft. Swatch wolle keine Consumer-Electronics Firma werden.

Trotzdem hat Swatch zwei Smartwatch Modelle auf dem Markt. Die Swatch Group kommentiert: "Smartwatches sind eine große Opportunität für uns. Alles was Menschen dazu bringt, etwas um ihr Handgelenk zu legen, steigert die Aussichten mehr Uhren, mehr Schmuck und warum nicht auch mehr interaktive Objekte am Handgelenk zu verkaufen."

Bei Swatch wird also die Chance genutzt, die der Smartwatch-Trend bei der Verkaufssteigerung bietet. Dabei sei die Swatch Group auch ein wichtiger Zulieferer von Sensoren, Batterien, Displays, Übertragungstechnologien, Softwarebetriebssystemen für viele Consumer-Electronics-Marken.

Nachteil: Entwicklungssprünge

Bei Swatch haben Entwickler schon vor zehn Jahren probiert Computer-Funktionen in die Uhr zu bringen. "Dem standen stets der Stromverbrauch und die Softwareabhängigkeit entgegen. Diese Probleme sind bis heute nicht gelöst und nach einem Jahr kann man das Gerät wegwerfen, weil die technologische Entwicklung bei Speicher, Display und Funktionalität enorm ist", teilte ein Sprecher mit.

Deutliche Worte von der größten Uhrenfirma der Welt, aber auch die Luxusuhrenfirma TAG Heuer hat zusammen mit Google und Intel eine eigene Smartwatch entwickelt, obwohl auch hier die von Swatch angesprochenen Probleme bekannt sind. Diese Uhr wird wohl oder übel schon bald veraltet sein. Statt danach im Müll zu landen, können Kunden sich bei TAG Heuer das Smartwatchmodul nach zwei Jahren durch ein mechanisches Uhrwerk ersetzen lassen – für 1400 Euro. TAG Heuer Geschäftsführer Jean-Claude Biver sagt: "Das verwandelt die veraltete Uhr in eine ewige. Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, eine Uhr herzustellen, die nach einiger Zeit wertlos würde."

Die TAG Heuer Connected Watch kostet rund 1400 Euro zuzüglich Umbau. //Foto: Pressefoto TAG Heuer

Die TAG Heuer Connected Watch kostet rund 1400 Euro zuzüglich Umbau. //Foto: Pressefoto TAG Heuer

Smartwatch (k)eine Konkurrenz

TAG Heuer sieht die Smartwatch ebenfalls als Chance neue Kunden zu erreichen und mehr Menschen für Armbanduhren zu begeistern. Obwohl der Geschäftsführer auch hier einen anderen Markt mit der Smartwatch sieht, erkennt Biver Apple als größten Wettbewerber an: "Das größte Ereignis der Uhrenbranche im letzten Jahrzehnt, ist die Ankunft eines neuen Wettbewerbers, der es nach 15 Monaten geschafft hat, die zweitgrößte Uhrenmarke, im Sinne von verkauften Exemplaren und Umsatz, zu werden."

Ob Apple ihr Produkt als Konkurrenz zur klassischen Uhr sieht, beantwortet ein Sprecher: "Die Apple Watch ist viel mehr als eine Armbanduhr, die ja im klassischen Sinn nur die Zeit anzeigen kann.

Die Menschen tragen Uhren aus verschiedenen Anlässen und Motivationen. Eine mechanische Uhr halte bei regelmäßiger Wartung hunderte Jahre, so Biver. Sie bietet dafür aber auch nicht die zahlreichen Funktionen einer Smartwatch. Mechanische Uhren und Quarzuhren bieten dafür Unabhängigkeit von Softwareupdates und arbeiten in ihrer Aufgabe energieeffizienter. Während eine Smartwatch nach etwa zwei Tagen, ähnlich wie das Handy aufgeladen werden muss, zieht sich die mechanische Uhr durch das Tragen automatisch auf. Darüberhinaus hält die Batterie in einer Quarzuhr viele Monate, bevor sie gewechselt werden muss.

Die klassische Uhr "smartifizieren"

Wie ein Smartphone wird eine Smartwatch schon bald technisch veraltet sein oder zumindest von der nächsten Generation übertrumpft werden. Wer eine klassische Armbanduhr nicht missen möchte, aber von den Funktionen einer Smartwatch profitieren will, kann beim Start-Up-Unternehmen Wotch oder bei Montblanc einen sogenannten "E-Strap" erwerben. Beide Firmen lösen den Uhren-Konflikt auf die gleiche Art und Weise: Der E-Strap tritt beim klassischen Zeitmesser an die Stelle des Armbandes und besitzt an der Unterseite – wo sich sonst die Schließe befindet, ein Smartwatch-Modul. Es soll samt Display die Funktionen einer Smartwatch bieten können. 

Der E-Strap soll Digital und Analog miteinander verbinden. //Foto: Pressefoto Montblanc

Der E-Strap soll Digital und Analog miteinander verbinden. //Foto: Pressefoto Montblanc

Tobias Schaefer

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Der Autor

Ekaterina Litvishko

Tobias Schaefer

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