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Videotechnik

Entwicklung der Überwachungskamera

Wir werden immer und überall von Überwachungskameras gefilmt. An Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen, Geschäften und an vielen anderen Orten sind sie installiert und sollen für Sicherheit sorgen. Doch viele von uns wissen nicht, dass die Entwicklung der Videoüberwachung ein halbes Jahrhundert gedauert hat.//Von Erna Suljevic und Denise Kelm

18.07.2017 // Ende des Zweiten Weltkriegs wurde erstmals eine Überwachungskamera genutzt. Sie diente zur Überwachung eines streng geheimen Raketen-Geländes, welches sich auf der Ostsee-Insel Usedom befand. Hersteller dieser Überwachungskamera war die Firma Siemens. Doch damals wurde die Kamera eher für die Videoaufzeichnung der Tests und Starts der Raketen genutzt. Heute werden Videokameras hauptsächlich für die Sicherheit der Bürger genutzt. Polizeibeamte verwenden die Videoaufzeichnungen der städtischen Überwachungszentralen zur Aufdeckung von Straftaten. Auch zahlreiche deutsche Politiker wie beispielsweise der Bonner Oberbürgermeister Ashok Sridharan fordern mehr Überwachungskameras an öffentlichen Brennpunkten.

Die Revolution der Bildübertragung

Analoge Bildübertragung: Grafik Suljevic

Analoge Bildübertragung; Grafik: Suljevic

Die analogen Bilder wurden damals über Kabel auf einen Monitor übertragen. Zudem war es nicht möglich, dasselbe Bild auf mehreren Monitore zu zeigen. So wurde die Methode der "Kreuzschiene" erfunden, die zur Lösung des Problems führte. Das Bild konnte mithilfe von Multiplexen gleichzeitig auf mehrere Monitore übertragen werden. Die aufgezeichneten Bilder wurden dann auf einem Videorekorder abgespeichert. Es war möglich, vier verschiedene Bilder auf einen Monitor zu übertragen. Mehrere Videobänder wurden benötigt, um längere Aufzeichnungen zu machen. Jedoch entstand daraus ein Problem, denn die Magnetbänder konnten nicht beliebig oft überspielt werden, wie es heute der Fall ist. Der Abrieb der Bänder führte so zu einer schlechteren Bildqualität.

Methode Kreuzschiene // Grafik: Erna Suljevic

Methode Kreuzschiene. // Grafik: Erna Suljevic

Wird der Bandsalat jetzt endlich gelöst?

Nach 1950 nahm der innerstädtische Verkehr in Deutschland zu. In den 60er Jahren wandelte sich dann auch die Nutzung der Kameratechnik: Bislang wurde die Videoüberwachung lediglich zur Beobachtung und Lenkung des Verkehrs genutzt. Nun erkannte der Staat, dass Überwachungskameras in einem Verkehrsstrafverfahren hilfreich sein konnten. Um 1970 wurde die Überwachungskamera, die zuvor noch öffentlich unter Kritik stand, mehr und mehr zu einer Selbstverständlichkeit und vermehrt an öffentlichen Plätzen, bei Demonstrationen und Versammlungen genutzt. Besonders im Kampf gegen die Rote-Arme-Fraktion bot sich die Videoüberwachung als Hilfe für die Polizei an. So versuchte der Staat, Anschläge auf öffentliche Einrichtungen und Entführungen von Politkern zu verhindern. Die Videoüberwachung erzielte nur Teilerfolge. Doch weiterhin war das Problem des Bandsalats nicht gelöst und die Ermittlung der RAF-Straftaten gestaltete sich aufgrund der schlechten Bildqualität der Aufzeichnungen schwierig. Im Jahre 1981 gelang den Japanern erstmals der Durchbruch in der Weiterentwicklung der Videotechnik. Der bekannte japanische Hersteller Sony entwickelte die erste digitale Überwachungskamera. Anschließend gab es fast 20 Jahre keine Verbesserungen mehr in der Videotechnik. Die Netzwerkkameras, die uns heute bekannt sind, wurden im Jahr 1999 entwickelt. Es lassen sich digitale Bilder komprimiert abspeichern und auf dem direktem Wege über ein Computernetzwerk an einem Browser senden.

Videoüberwachung heute

Heute versuchen viele deutsche Städte die Anzahl der Überwachungskameras zu erhöhen, wie beispielsweise die Stadt Bonn. Dort wurden die Forderungen nach einer Videoüberwachung wieder laut, nachdem der 17-jährige Niklas P. nach einem Konzertbesuch im Mai 2016 von einer Gruppe junger Männer attackiert und zu Tode geprügelt worden war. Dieses Ereignis führte dazu, dass auch der Bonner Oberbürgermeister Ashok Sridharan dazu anregte, mehr Überwachungskameras an Brennpunkten zu installieren. Er fordert insbesondere am Platz, an dem Niklas P. ums Leben gekommen ist, eine zusätzliche Beleuchtung und Umgestaltung der Kameras. Das Filmen ist jedoch aufgrund datenschutzrechtlicher Gründe nicht überall zulässig, erklärt Veronika John, stellvertretende Pressesprecherin der Stadtwerke Bonn. Die Leitzentrale der Stadtwerke Bonn hat es sich mit der Videoüberwachung am Bonner Hauptbahnhof und am Bonner Loch zur Aufgabe gemacht, der Polizei bei gesuchten Straftätern mit Videoaufzeichnungen behilflich zu sein. Besonders das Bonner Loch ist laut einer polizeilichen Statistik mit 1,7 Straftaten pro Tag (Stand Mai 2017) der Hauptbrennpunkt der Stadt Bonn. Doch wie genau Videotechnik bei der Überwachung von öffentlichen Plätzen funktioniert, beispielsweise des öffentlichen Nahverkehrs, erklärt Joachim Schallenberg, Sachgebietsleiter der Leitzentrale der Stadtwerke Bonn, in einem Interview:

Seit wann wird die Videoüberwachung in Bonn eingesetzt? Was hat sie gekennzeichnet?

Joachim Schallenberg: Die Videoüberwachung in unserem Nahverkehrsnetz gibt es ungefähr seit 1985. Ich erinnere mich, als ich vor 32 Jahren angefangen habe, waren ganze vier Kameras am Hauptbahnhof installiert. Die waren damals über Schnittbildtechnik angebracht, sodass sie sich gegenseitig sehen und wir keinen toten Winkel im Bahnsteigbereich haben.

Wie hat sich die Videoüberwachung seit ihrer Einführung entwickelt?

Die Videoüberwachung hat sich bei uns nur in der Anzahl der Kameras zur Überwachung unserer Bahnsteige und Betriebseinrichtungen entwickelt. Sie hat sich mittlerweile verhundertfacht, weil wir jetzt insgesamt über 300 Kameras im Netz haben.

Gab es damals mehrere Etappen bei der Entwicklung der Videoüberwachung?

Ja, zum einen hinsichtlich der Kameratechnik. Zum anderen jedoch primär in der Ausweitung des Kameranetzes. Wir haben damals über die Universität Bonn eine Studie anlegen lassen und haben die Arbeitsgruppe entscheiden lassen, wo es überall Kameras geben muss, um sich in einem U-Bahn-Bereich sicher zu fühlen. Damals war "sicher ist sicher" das Merkmal, und dann haben wir einen Maßnahmen-Katalog bekommen. Dementsprechend haben wir alle Bahnhaltestellen mit Kameras ausgerüstet.

Welche Vorteile bringt die Digitalisierung?

Die Digitalisierung hat den Vorteil der schnelleren Verfügbarkeit. Wir können relativ wahlfrei unsere Kameras auf verschiedene Plätze anwählen, wohingegen man früher für eine einzelne Kamera einen Monitor hatte. Wir haben so eine Kamera noch an unserer Eingangstür der Überwachungszentrale. Wir können heute innerhalb eines Raumes, die Kameras auf jeden Arbeitsplatz zuschalten.

Welche Kameras werden für die Überwachung eingesetzt und warum eignen sie sich am besten?

Es gibt sicher unzählige Kameras, die alle möglichen Auflösungen können. Wir haben recht gutes Bildmaterial, auch in der Aufzeichnung. Zudem haben wir noch einen ganzen Teil analoger Kameras, die damals für viel Geld beschafft worden sind. Diese Kameras sind sehr hochwertig, aber wir rüsten sukzessive an bestehenden Standorten auf digitale Kameras um. Wir benutzen hochwertige Kameras, die es uns ermöglichen, mit einem integrierten Sicherheits- und Managementsystem Bilder aufzuschalten und zuzuweisen. Zudem ist es möglich, Kameras durchlaufen zu lassen und Bilder im 10-oder 15 Sekunden-Takt zuschalten zu lassen, um zum Beispiel einen Betriebsablauf verfolgen zu können.

Wie widerstandsfähig sind die Kameras? Inwieweit wird die Bildqualität wetterbedingt beeinflusst?

Die Überwachungskameras werden nicht durch Wetterbedingungen beeinflusst. Die Bildqualität wird nur bei Dunkelheit leicht beeinträchtigt, jedoch sind alle Stellen, an denen sich Überwachungskameras vorfinden, ausreichend beleuchtet, sodass zu jeder Tageszeit eine gute Bildqualität gewährleistet ist. Spezielle Nachtsichtkameras haben wir nicht, da alle Haltestellen ausreichend beleuchtet sind. Sogar die U-Bahn-Stationen verfügen über genügend Licht und diese Kameraausleuchtung reicht völlig aus. Somit wird die Bildqualität nicht negativ beeinflusst.

Wie läuft die Übertragung und Speicherung der Bilder ab?

Technische Details darf ich diesbezüglich nicht nennen. Wir haben jedoch eine sehr sichere Vorgehensweise, damit niemand an unsere Daten kommt. Man könnte nicht einfach einbrechen und Daten stehlen. Selbst wenn sie gestohlen würden, sind die Daten so verschlüsselt, dass sich diese nur mit einer speziellen Software entschlüsseln lassen. Unsere Kameras sind so angebracht, dass man sie mit einem Gewehr von der Decke holen könnte, aber in aller Regel kommt man nicht einfach so an die Kameras heran. Zudem sind sie sehr stabil und widerstandsfähig.

Ist das Sicherheitssystem durch bestimmte äußere Faktoren gefährdet? Wenn ja, wo treten Lücken auf?

Mir sind keine Lücken bekannt. Generell haben wir zur Übertragung ein sicheres System und sind mit verschiedenen Institutionen im Gespräch, mit denen wir kooperieren und interagieren. Angriffe von Hackern sind nicht möglich, da wir ein geschlossenes System haben und keine IP-Kameras betreiben, die über WLAN-Netzwerke abrufbar sind. Wir verwenden stets eigene Netze und sind somit bestens gegen Angriffe vorbereitet.

Zurzeit ist in Berlin die Überwachung von Bahnen mithilfe von 360 Grad Kameras geplant. Ist in den Bonner Bussen und Bahnen die Ausweitung der Überwachungskameras ebenfalls in Planung?

Wir haben zum Teil 360 Grad Kameras aber auch Zoom-Kameras am Bahnhof. Sie sind analoge, sehr alte, aber hervorragend funktionierende Kameras, die vorwiegend im Bonner Loch zum Einsatz kommen. Dort brauchen wir eine Rundumsicht, um zu sehen aus welchen Richtungen die Fahrgastströme kommen. Die Ansicht wird auch benötigt, um verschiedene Rolltreppen und Zugangsbereiche beobachten zu können.

Wie stehen Sie zu den Methoden der Gesichtserkennung und haben Sie eventuelle Bedenken?

Methoden der Gesichtserkennung werden bei uns nicht benötigt, da die Kameras ausschließlich zur personellen Sicherheit und Beobachtung des Nahverkehrs genutzt werden. Es wäre eher ein Nutzen für die Polizei, um gesuchte Straftäter identifizieren zu können.

Wie sehen Sie die Zukunft der Überwachungskameras?

Ich kann hierbei nur für unseren Bedarf als Verkehrsunternehmen sprechen. Die Zukunft der Videoüberwachung verbessert sich mit jeder neu installierten Kamera.

Bildergalerie zum Thema Überwachungskameras. // Bilder: Denise Kelm und Erna Suljevic

Denise Kelm und Erna Suljevic, Technikjournalismus & PR

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Informationen zu den Experten

Joachim Schallenberg ist Fachbereichsleiter bei der Betriebsleitstelle der Stadtwerke Bonn Verkehrs GmbH und stellvertretender Betriebsleiter BOKraft, die für den Betriebsablauf im Personenverkehr zuständig ist. In diesem Beruf ist er bereits seit über 30 Jahren tätig ist.