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Umwelttechnik

Asbestsanierung am Deutsche-Welle Hochhaus

Für das Deutsche-Welle Hochhaus in Köln naht das Ende. Ein großer Teil des Gebäudes darf sich aber schon lange vor einer Sprengung verabschieden, denn zuerst findet ein Rückbau statt. Weit oben auf der To-Do-Liste steht die Entsorgung des Asbests. Die Arbeit mit dem Stoff ist allerdings eine große Herausforderung. // Von Nicole Brodzicz und Anja Häsel

11.07.2017//Das Hochhaus, in dem einst die Deutsche Welle aus Köln gesendet hat, steht seit 2003 leer. Kaum etwas erinnert noch an den damaligen Betrieb. Die Räume wurden ausgeräumt. Böden, Wände und Decken sind aufgerissen und werden entkernt. Offen liegt das bloße Skelett eines 138 Meter großen Riesen, der bald einstürzen wird. Aber die Arbeit dort birgt Risiken. Gefahrenbereiche - sogenannte Schwarzbereiche - sind nur über Schleusen zu erreichen. Dort werden Asbestfasern freigesetzt, die bei Einatmung negative Folgen für die Gesundheit haben. "Wer ohne Schutz in den Schwarzbereich geht, der spielt mit dem Leben", warnt Benjamin Mülleneisen, Bauleiter der EIS-Umwelttechnik GmbH.

Arbeiten mit Asbest

"Wir achten auf jede Kleinigkeit", betont Frank Wollenweber, Vorarbeiter der EIS-Umwelttechnik GmbH, dem die Gesundheit der Mitarbeiter am Herzen liegt. Der Betrieb hat vorab Probearbeiten am ehemaligen Deutsche-Welle Hochhaus durchgeführt, um die Ausmaße der Asbestbelastung zu begutachten. "Eine solche Probe ist allein schon wichtig, um zu sehen, ob mit einer Gefährdung bei der Sanierung zu rechnen ist“, erklärt Susanne Weg-Remers vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

Seit über drei Monaten steht EIS-Umwelttechnik allerdings vor der Hauptaufgabe: Der Asbest muss aus den Innenräumen entfernt und im Anschluss eine Sanierung des Blauasbests durchgeführt werden. Diese Form des Asbests ist gefährlicher als Weißasbest, da der Stoff verstärkt längsspaltbar ist: Es lösen sich bei Beschädigung oder Verwitterung mehr Fasern aus dem Material. Deswegen ist ganz genau auf die Luftdichte der Schutzkleidung zu achten. Es würden sich auch immer zwei Arbeiter parallel anziehen, um sich gegenseitig zu kontrollieren, erklärt Wollenweber.

Asbestsanierung// Video: Nicole Brodzicz und Anja Häsel

Bei einer Asbestsanierung muss darüber hinaus darauf geachtet werden, wie der Asbest zuvor verarbeitet wurde: Unterschieden wird zwischen schwach und fest gebundenem Asbest. Bei schwach gebundenem Asbest ist der Anteil des Gefahrenstoffs höher. So liegt er hier über 60 Prozent - bei trockenen Verfahren kann das Material sogar aus bis zu 90 Prozent Asbest bestehen. Im Gegensatz dazu ist fest gebundener Asbest weniger problematisch, solange ein daraus bestehendes Bauteil nicht bearbeitet oder beschädigt wird. Der Asbestanteil liegt hier häufig bei etwa 10 bis 15 Prozent. Zu den üblichen Bauteilen aus fest gebundenem Asbest zählen beispielsweise Dachplatten.

Die Ausmaße der Asbestbelastung

In den Basisgebäuden findet sich nur an einigen wenigen Elementen Asbest. Dazu gehören Brandschutzklappen und fest gebundene Asbestzementrohre. Bei den Türmen wird der Rückbau komplizierter: Hier findet man den gefährlichen Stoff vor allem als Spritzasbest an der Stahlkonstruktion, damit diese bei einem Brand nicht zusammengebrochen wäre. Etwa 20.000 Quadratmeter sind belastet. Aber auch der Putz, die Platten der Außenfassade und viele andere lokale Bauteile wie Feuerschutztüren sind betroffen.

Die Sanierung soll dennoch so durchgeführt werden, dass keine Fasern in die Luft außerhalb vordringen. In jeder Etage wird ein Schwarzbereich eingerichtet, in dem bei Unterdruck gearbeitet wird. So kann jede Faser aus der Luft gefiltert werden. Alle Arbeiten finden nach dem technischen Regelwerk für den Asbestabbau und mit Kontrolle der Bezirksregierung Köln statt. Nach der Sanierung im Innenbereich wird ein Gerüst angebracht, womit die Fassadenelemente entfernt werden können. "Wir versetzen die Türme zurück in den Zustand ihres Rohbaus", fasst Eduard Mede, Projektleiter der Wohnkompanie, den Ablauf zusammen. Das Unternehmen hat gemeinsam mit der Bauwens Development GmbH & Co. KG ein Rückbaukonzept entwickelt und wird auf dem Areal über 700 neue Wohnungen schaffen.

Asbestzementrohr im Basisgebäude

Leitungsrohre wurden aus einem Asbest-Gemisch mit Zement gebaut. Foto: Nicole Brodzicz und Anja Häsel

Gesundheitliche Nachwirkungen

Wenn Asbest eingeatmet wird, ist der menschliche Körper nicht in der Lage, die bis zu zwei Mikrometer großen Fasern wieder abzubauen. Das hat zur Folge, dass das Lungengewebe nach Jahrzehnten mit Vernarbungen und chronischen Entzündungen reagiert. Es können sich tödliche Krankheiten entwickeln: Asbestose ist hier die häufigste Erkrankung, auf deren Boden sich ein Tumor bilden kann. Die Latenzzeit beträgt bis zu 40 Jahre. Der häufigste bösartige Tumor ist das Pleuramesotheliom, also Brustfellkrebs, der sich zwischen Lunge und Rippen entwickelt. "Die Chancen auf Heilung bei diesem Tumor sind schlecht, da er oft erst spät erkannt wird", berichtet Weg-Remers. Zu den Symptomen zählen im Spätstadium Atemnot und Schmerzen im Bereich der Brustwand.

Weitere mögliche Folgen sind andere Krebsarten im Rippen- und Bauchfell oder Lungenkrebs. Bei Kontakt mit Asbest muss der Gesundheitsverlauf von Ärzten lebenslang überwacht werden. Nicht alle Menschen erkranken und es ist schwer zu bestimmen, ob und in welchen Mengen die freigesetzten Fasern in die Lunge gelangt sind. Bei dem Nachweis einer Belastung von mindestens 25 Jahren können gesundheitliche Folgen als Berufskrankheit angerechnet werden. Generell gilt aber laut Wollenweber: "Wenn sich alle Arbeiter an die Sicherheitsvorkehrungen halten, dann erkrankt niemand. Wichtig ist es, bei der Arbeit aufmerksam zu sein und sich körperlich sowie psychisch dazu in der Lage zu befinden."

Asbest heute

An den Folgen von Asbest sterben in Deutschland knapp 1.500 Menschen jährlich, weltweit sind es mehr als 100.000 Tote. In Ländern wie Russland, China, Indien und Brasilien wird die Gefahr immer noch ignoriert und der preiswerte Stoff abgebaut und verwendet. In Deutschland werden inzwischen Ersatzstoffe wie Steinwolle oder Glaswolle eingesetzt. Zunächst wurde vermutet, dass diese Fasern auch gefährlich sein könnten. Wegen ihrer Größe gelangen sie jedoch nicht in die Lungen. Rund 89.000 Beschäftigte arbeiteten Ende 2012 in Deutschland noch immer mit Asbest - mitunter an Sanierungen. Es wird damit gerechnet, dass die Entsorgung des asbesthaltigen Abfalls noch Jahre andauern kann.

Überwachung der Entsorgung

Die untere Abfallbehörde in Köln ist zuständig für den ordnungsgemäßen Umgang mit Abfall in der Region. Mit dem Bauantrag zum Abriss des Hochhauses haben sie die Anfrage für entsprechende Vorgaben bei der Entsorgung erhalten. Dazu kommt die Überwachung der Stoffstromkontrolle: Alle Beteiligten müssen sich an die gesetzlichen Vorschriften und Dokumentationen halten, wenn eine große Menge an gefährlichem Abfall anfällt. Dazu zählen neben dem Abfallerzeuger und dem Entsorger auch Zwischenstellen wie beispielsweise der Beförderer. Besonders ist in Köln jedoch die Tatsache, dass vor Beginn der Entsorgung die Behörde noch einmal informiert werden soll. "Für uns ist das dann der Startschuss, ab dem wir wissen: Okay, jetzt geht es los", erklärt Katrin Wieland, Abteilungsleiterin für Immissionsschutz, Wasser und Abfallwirtschaft des Umwelt- und Verbraucherschutzamtes in Köln.

Darüber hinaus wird noch ein Abschlussbericht gefordert: Nach der kompletten Abfallverbringung zur Entsorgungsanlage sollen Mengen, Beförderer und Zeitpunkt der Lieferungen noch einmal aufgelistet werden. Angaben und Nachweise dieser Art sind wichtig, damit gewährleistet werden kann, dass die korrekten Mengen beim Entsorger angekommen sind. Aber auch durch Baustellentermine vor Ort wird der korrekte Umgang sichergestellt. Grundpflicht und Verantwortung für die geeignete Entsorgung liegen generell beim Erzeuger des Abfalls.

Für den Asbest des ehemaligen Deutsche-Welle Hochhauses sieht es dann am Ende so aus: Er wird gebunden und in Bigbags verschlossen. So härtet das Material für 28 Tage im gesicherten Bereich auf der Baustelle. Die Asbestfasern können dadurch nicht mehr austreten. Bei einer Deponie der Klasse I werden sie dann entsorgt. Abfälle, die bei solchen Deponien entsorgt werden, müssen einen geringen organischen Anteil enthalten und bei Versuchen wenig Schadstoffe freisetzen.

Nicole Brodzicz und Anja Häsel, Technikjournalismus/PR

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Ein Blick zurück

Mit dem Bau des ehemaligen Deutsche-Welle Hochhauses wurde 1974 begonnen. Dabei wurde Asbest an vielen verschiedenen Orten eingesetzt - hauptsächlich wegen der Hitzebeständigkeit des Stoffes. Der Gebrauch als Spritzasbest wurde aber bereits 1979 in Westdeutschland verboten. Allgemein verbot Deutschland die Benutzung des Stoffes 1993. Zunächst hat die Deutsche Welle versucht, mit einer Abhangdecke den Gefahren entgegenzuwirken. Dann hat sich der Sender schließlich doch zu einem Umzug nach Bonn in den Schürmann-Bau entschieden.


Schürmann-Bau

Der Schürmann-Bau in Bonn ist seit 2003 das neue Hauptquartier der Deutschen-Welle. Foto: Ignacio Gallego auf Flickr unter Creative Commons / CC BY-NC-SA 2.0