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Förderung für Jungwissenschaftler

Wolf Harmening und die Netzhaut-Sinneszelle

Um ein Mikroskop zu entwickeln, das so hoch auflöst, dass sich damit einzelne Sinneszellen darstellen lassen, müssen Elektrotechniker und Neurobiologen zusammenarbeiten. Wolf Harmening kann beides. // Ein Porträt von Julian Neitzert

19.11.2013 // "Trink ne Coke mit deinem Prinz" - die Cola-Flasche ist das Erste, was in dem Büro von Dr. rer. nat. Wolf Harmening auffällt. Fast schon demonstrativ scheint das Etikett der Flasche auf den eintretenden Besucher gerichtet und doch ist es Zufall. "Cola ist mein Kaffee-Ersatz", sagt der Wissenschaftler und lacht. Seine grün-grauen Augen hinter der modernen randlosen Brille sind voller Energie und doch sehr entspannt.

Mit seinem grauen Kapuzenpullover mit Berkeley-Aufdruck und seiner verwaschenen Jeans könnte er locker als Student durchgehen. Das Gesicht wirkt noch jung, die Stimme hell - doch das Grau in Vollbart und Kurzhaar zeigen, dass Harmening keine 20 mehr ist.

Mit gerade einmal 35 Jahren ist er nun Leiter eines Forschungsprojektes geworden, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den nächsten fünf Jahren mit 1,6 Millionen gefördert wird. Sein Projekt: ein Mikroskop bauen, das in Kombination mit einem Laser einzelne von den über 130 Millionen Sinneszellen der Netzhaut im menschlichen Auge abbilden soll.

Was die Welt im Innersten zusammenhält

Wie schon Goethes Faust, interessiert sich Harmening für das, was die Dinge im Innersten zusammenhält. Schon immer hatte er ein großes Interesse an Technik, vor allem daran, wie sie funktioniert. Nach der Schule leistete er seinen Zivildienst bei einem Lungenfacharzt ab. "Was mich dort am meisten fasziniert hat, war, wie die verwendete Technik funktioniert. Ich hab alle Anleitungen gelesen und versucht, Dinge selber zu reparieren."

Aus derselben Motivation heraus begann Harmening mit seinem Studium der Elektrotechnik an der RWTH Aachen. Auch wenn er das Studium nicht abschloss und zur Biologie wechselte, begleitet ihn die Elektrotechnik noch heute. Ohne diesen Einblick wäre sein jetziges Projekt wohl kaum möglich. "Wir bauen ein Gerät aus vielen tausend Einzelteilen auf, das ist noch völlig im experimentellen Stadium, da gibt es keinen, den man anrufen kann, wenn etwas nicht funktioniert - da müssen wir uns schon selber was überlegen", erklärt er.

Faszination Wahrnehmung

Inzwischen sind sowohl die Elektrotechnik als auch die Neurobiologie einfach Werkzeuge für ihn, um zu dem gewünschten Ergebnis zu kommen. Damals jedoch war es die Biologie, die seinen Weg in die Zukunft ebnete. Während des Praktikums in der Eulenzoologie im Grundstudium begann Harmening sich für die Wahrnehmung zu faszinieren. Die Faszination hielt an: Er machte dort sein Diplom, dort auch seinen Doktor, mit höchster Auszeichnung.

Let there be Light - Die Berkeley-Zeit

Ein Stipendium ermöglichte Harmening zwei Jahre an der Universität in Berkeley in Kalifornien. Er nahm an und zog zusammen mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern in die Staaten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem "American Way of Life", gefiel es ihm dort immer besser. Besonders gut gefiel ihm die Arbeit mit Prof. Austin Roorda, der die weltweit erste Apparatur gebaut hat, mit der es möglich ist, einzelne Netzhautzellen darzustellen und zu stimulieren. Genau diese Technologie möchte Harmening mit seinem Projekt nach Deutschland bringen.

Zusammenarbeit und Zusammenbau - Das Projekt

Seit August arbeitet Harmening in einem Labor der Universitäts-Augenklinik in Bonn und ist mit der Planung des Projektes beschäftigt. Auch wenn das viel Arbeit bedeutet, ist ihm die Vorfreude anzusehen und er genießt die Selbstständigkeit. Diese Selbstständigkeit von jungen Nachwuchswissenschaftlern ist auch das erklärte Ziel des Emmy-Noether-Programms der DFG. Deren Millionen-Förderung für die nächsten fünf Jahre ist nicht nur Prestige, sie entlastet den Neurobiologen, da er sich jetzt keine Gedanken mehr zur Finanzierung machen muss. So kann er sich ganz auf die verschiedenen Aspekte der Planung konzentrieren.

Zurzeit ist er unter anderem damit beschäftigt, herauszufinden, welche Bauteile benötigt werden und diese dann zu besorgen. Daneben baut Harmening auch eine Arbeitsgruppe auf. Dieser Teil freut ihn ganz besonders: "Mit anderen Wissenschaftlern als Team zusammenzuarbeiten, das ist etwas, was wir in den USA ganz hervorragend gemacht haben und das macht so viel Spaß!"

Grundlagenforschung und Wissenschaftsgeschichte

Harmening betreibt mit diesem Projekt Grundlagenforschung, Basis für Forschung kommender Jahrzehnte. Er forsche aber nicht, um berühmt zu werden, nennt hingegen andere Gründe: "Ich habe einfach unheimlichen Spaß daran, etwas zusammenzuschrauben und es zu benutzen, um damit etwas herauszufinden. Ob das in die Wissenschaftsgeschichte eingeht, ist eigentlich zweitrangig", meint er. Er möchte aber mit Kliniken zusammenarbeiten, um herauszufinden, welchen Nutzen die Augenärzte von diesem Projekt erwarten. So könnten in Zukunft vielleicht mit einer kleineren Variante seines Gerätes Augenkrankheiten, die zur Erblindung führen, rechtzeitig erkannt werden.

Freud und Leid der Arbeit

Wenn es soweit ist und das Team komplett ist, alle Teile vorhanden sind, dann geht die Forschung erst richtig los. Der Elektrotechniker in ihm freut sich auf den "Zusammenbau des Projektes". Der Neurobiologe ist besonders an den wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert.

Harmening mag die Arbeit als Wissenschaftler, alles daran liegt ihm aber nicht: "Ich würde mich eher als einen sehen, der mit seinem Schraubendreher am Gerät schraubt und die Experimente macht. Wenn es darum geht, die Forschungsergebnisse schriftlich festzuhalten, dann würde ich diese Arbeit am ehesten abgeben."

"Ich unterschätze mich lieber immer ein bisschen"

Die Forschung an einzelnen Netzhautzellen hält Harmening für enorm wichtig und erachtet eine Förderung dieses Forschungsgebiets als absolut notwendig. Dass er diese Förderung erhält, ehrt ihn sehr: "Ich hätte nicht gedacht, dass die DFG mein Projekt auswählt, gerade bei dieser Konkurrenz. Denn ich unterschätze mich lieber immer ein bisschen."

Gerade kommt ein Anruf, es ist der Empfang. Ein Paket ist für Harmening gekommen. "Das passiert aber auch immer, seit ich Leiter des Projekts bin, bekomme ich ständig Pakete, ich mag das", sagt er und grinst.

Autor: Julian Neitzert

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